Dokumentation zu diesem Projekt

Der sakrale Raum auf der Selinuntiner Agora. Untersuchungen zu den Anfängen in griechischer Zeit
und zum Fortleben in punischer Zeit

Einführung

Selinunt wurde um 628 v. Chr. von der dorischen Stadt Megara Hyblaea im Osten Siziliens aus gegründet und wuchs zu einer großen und bedeutenden griechischen Kolonie an der sizilianischen Westküste heran. Im Jahr 409 v. Chr. wurde Selinunt von den Karthagern eingenommen und zerstört. In der Folge diente der Ort vor allem als Festung, bis sich seit der Mitte des vierten Jahrhunderts v. Chr. eine Siedlung von vorwiegend punischer Bevölkerung in den Ruinen einrichtete und Selinunt zu einem wichtigen punischen Ort in Westsizilien entwickelte. Nachdem die Römer Sizilien während des ersten Punischen Krieges unter ihre Kontrolle gebracht hatten, wurde Selinunt um 250 v. Chr. aufgegeben.

Im Mittelpunkt eines am Deutschen Archäologischen Institut Rom angesiedelten Forschungsvorhabens unter der Leitung von Prof. Dr. Ortwin Dally stehen die Folgen für die kulturelle Entwicklung der Stadt nach der Einnahme Selinunts durch die Karthager. Die Wissenschaftler gehen insbesondere der Frage nach, ob und in welcher Form sich die Lebensverhältnisse der griechischen von der punischen Stadt unterschieden haben. Selinunt eignet sich ausgesprochen gut für eine derartige Untersuchung, da sich hier wie an kaum einem anderen Ort die Gelegenheit bietet, das Aufeinandertreffen der großgriechischen und der westphönizischen Kultur unter unterschiedlichen historischen Vorbedingungen zu untersuchen. Im Rahmen einer von der Gerda Henkel Stiftung für zwei Jahre geförderten Pilotstudie widmet sich die Projektbearbeiterin Dr. Sophie Helas der bislang nur ansatzweise erforschten archaischen Gräberstätte auf der Selinunter Agora und ihrer Transformation in ein punisches Heiligtum seit dem vierten Jahrhundert v. Chr. Bei früheren Feldforschungen wurde eine Gruppe hocharchaischer Gräber entdeckt, die sich nicht nur durch die Lage auf der Agora der Planstadt, sondern auch durch die gehobene Ausstattung der Gräber auszeichnet. Dass sich in unmittelbarer Nähe archaische Votive mit Brandspuren konzentrieren, spricht für eine kultische Verehrung am Ort. Erneute Bestattungen der archaischen Brandgräber in punischer Zeit belegen einen umsichtigen Umgang mit der hocharchaischen Grabstätte, die offenbar in das sakrale Konzept eines ausgedehnteren punischen Heiligtums einbezogen wurde.

Nach einer Überprüfung der alten Grabungskontexte auf Grundlage der seinerzeit erstellten Dokumentationen soll der Komplex in zwei Grabungskampagnen freigelegt werden. Ziel ist es, neue Erkenntnisse zur Lage und Bedeutung dieser außergewöhnlichen Stätte zu erlangen und darüber hinaus danach zu fragen, warum sich in Selinunt zwei so unterschiedliche Erinnerungsorte sepulkraler Natur begegnen: zum einen ein aufwändig gearbeiteter hocharchaischer Sarkophag für eine Körperbestattung, der noch im fünften Jahrhundert Bezugspunkt für kultische Deponierungen war; zum anderen kostspielige Brandbestattungen in bronzenen Perlrandbecken, die in steinerne Basen eingepasst waren.

Von einer besseren Kenntnis des sepulkral-sakralen Raums auf der griechischen Agora verspricht sich das Team einen Wissenszuwachs, der zum Verständnis des Fortlebens des Areals in punischer Zeit beitragen wird. Die geplante Studie dient als Grundlage für ein am Deutschen Archäologischen Institut Rom langfristig angelegtes Projekt, in dessen Verlauf unterschiedliche Bereiche der Stadt wie die Wohnbebauung, die Agora, Heiligtümer, Häfen, Nekropolen und das Umland in den Blick genommen werden sollen.

Fördermaßnahmen

Die Gerda Henkel Stiftung unterstützt das Forschungsprojekt durch die Gewährung eines Forschungsstipendiums für die Projektbearbeiterin Dr. Sophie Helas und stellt Fördermittel zur Übernahme von Personalkosten für die Arbeiten in Selinunt zur Verfügung.

Projektleitung

Prof. Dr. Ortwin Dally

Deutsches Archäologisches Institut Rom

Dieses Projekt wurde im März 2017 dokumentiert.