Dokumentation dieses Projektes

Netzwerke der Nonnen. Edition und Erschließung der Briefsammlung aus Kloster Lüne (ca. 1460–1555)

Projektleitung

Prof. Dr. Eva Schlotheuber
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Institut für
Geschichtswissenschaften

Prof. Dr. Henrike Lähnemann
University of Oxford, Humanities Division

Einführung

Das nahe der Stadt Lüneburg gelegene Kloster Lüne wurde 1172 vermutlich als adeliges Kanonissenstift gegründet und folgte seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts der Benediktsregel. 1481 wurde der Lüner Konvent im Zuge der spätmittelalterlichen Klosterreform Teil eines dichten Reformnetzwerkes und bestand später nach der lutherischen Reformation als evangelisches Kloster weiter. Als religiöses, soziales und ökonomisches Zentrum prägte Kloster Lüne die Region, und die Benediktinerinnen korrespondierten sowohl mit umliegenden geistlichen Institutionen als auch mit allen wichtigen politischen und religiösen Kräften. Das Klosterarchiv umfasst eine Sammlung von fast 1.800 Briefen, die von den Nonnen im Zeitraum zwischen 1460 bis 1555 verfasst oder empfangen sowie in drei Briefbüchern für den eigenen Gebrauch abgeschrieben wurden.

Ziel eines Forschungsprojekts unter der Leitung von Prof. Dr. Eva Schlotheuber und Prof. Dr. Henrike Lähnemann ist es, die in Umfang und Zuschnitt einzigartigen und in der Forschung wenig bekannten Briefbücher der Benediktinerinnen des Klosters Lüne zu erschließen und die in die Zeit nach der großen spätmittelalterlichen Reform zurückreichende älteste Handschrift mittels einer kritischen Edition in digitaler und gedruckter Form zugänglich zu machen. Die in Latein, Niederdeutsch und einer charakteristischen niederdeutsch-lateinischen Mischsprache verfassten Briefe erweitern erheblich das zur Verfügung stehende Corpus an Texten, die im Mittelalter von Frauen selbstständig verfasst wurden. Diejenigen Frauenkonvente, bei denen die Klosterreform eine strenge Klausur durchsetzen konnte, sind hinsichtlich ihrer Kommunikationspraxis besonders aufschlussreich, da sie existentiell auf schriftliche Kommunikation sowohl in praktisch allen Lebensfragen als auch bei der Verwaltung der oft großen Grundherrschaften und bei der Wahrnehmung von Pfarr- und anderen Rechten angewiesen waren. Dass diese besondere Situation der Kommunikation von Nonnen bislang kaum von der Forschung berücksichtigt worden ist, liegt einerseits an der vielfach fragmentarischen Quellenlage und andererseits daran, dass das Wissen um interne Verhältnisse, externes Agieren sowie gesellschaftliches und kulturelles Wirken von Frauenkonventen auch insgesamt noch lückenhaft ist. Bisher sind aus dem Spätmittelalter nur deutlich kleinere Sammlungen bekannt, die zudem überwiegend aus süddeutschen
Frauenklöstern stammen.

Da die Lüner Briefe nicht nur von der Priorin oder den Amtsinhaberinnen, sondern auch von Konventualinnen ohne Klosteramt sowie von Klosterschülerinnen verfasst wurden, ermöglicht die Sammlung einen besonderen Einblick in den intellektuellen Horizont und die soziale Praxis der Nonnen. Die Ausbildung in der Klosterschule muss speziell Briefrhetorik umfasst haben, denn die Nonnen beherrschten offensichtlich alle argumentativen Stilhöhen, von dem beispielsweise an die Salinenherren gerichteten verbindlich formulierten »Geschäftsbrief« über den Bittbrief an den Fürsten, den lateinischen Brief mit gelehrter Argumentation, die Geschenkexegese, den Trostbrief im Sterbefall bis hin zum geistlichen Freundschaftsbrief. Dabei formten die Nonnen eine an ihre Bedürfnisse angepasste Sprache, die ihren Klosteralltag und ihre religiösen Ziele angemessen zum Ausdruck bringen konnte. Die Lüner Sammlung verdeutlicht vor allem, dass die Frauen ihre theologischen Kenntnisse eigenständig auf ihre spezielle Stellung als »Bräute Christi« bezogen und daraus eine besondere Autorität des Sprechens gewannen, die sie für Geistliche wie für Laien zu gefragten Briefpartnerinnen werden ließen.

Die Sammlung aus Kloster Lüne wirft neues Licht auf die (mehrsprachige) Textproduktion, auf ständeübergreifende Kommunikationsweisen, auf die pragmatische Schriftlichkeit und von den Nonnen angewandte Strategien der Konfliktbewältigung. Die geplante Edition bietet als seltenes Beispiel umfassender »Alltagskorrespondenz« für die Forschung vielfältige Anknüpfungspunkte und verspricht eine spätmittelalterliche Brieftradition wieder ans Licht zu holen, die neben den zeitgleich entstandenen humanistischen und frühneuzeitlichen Gelehrtenbriefen zu Unrecht fast vollständig in Vergessenheit geraten ist.

Fördermaßnahmen

Die Gerda Henkel Stiftung unterstützt das Forschungsprojekt durch die Gewährung von zwei Forschungsstipendien für die Projektbearbeiter PD Dr. Simone Schultz-Balluff und Dr. Edmund Wareham sowie mit Fördermitteln zur Übernahme von Reisekosten.

Das Projekt wurde im März 2016 dokumentiert.