Dokumentation des Forschungsprojektes

Nie wieder störungsfrei! Aachen Avantgarde seit 1964

Einführung

Im Mittelpunkt eines am Aachener Ludwig Forum für Internationale Kunst unter der Leitung von Dr. Brigitte Franzen angesiedelten Forschungsvorhabens stand die Entwicklung der rheinischen Kunstszene und ihrer überregionalen Ausstrahlung seit den 1960er Jahren, als sich in Aachen eine überraschend progressive kulturelle Szene herausbildete. Ziel des von Dr. Annette Lagler und Myriam Kroll durchgeführten Projekts war es, als ortsbezogene Mikrogeschichte den Prozess der lebendigen und experimentellen Szene einer Zeit zu dokumentieren, in der Aachen vermutlich mitbestimmend für die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst in Deutschland war. Neben Aachen boten auch Städte wie Darmstadt, Krefeld, Wiesbaden, Kassel, Wuppertal und Baden-Baden den Nährboden für eine kritische Opposition und ermöglichten Ereignisse und Projekte, die anderswo undenkbar gewesen wären. Dass die künstlerischen Avantgarden der 1960er und 1970er Jahre in Westdeutschland kein Metropolenphänomen waren, hat dabei sicher auch mit der Teilung Deutschlands und dem Verlust der Hauptstadtmetropole zu tun. Im Rahmen des Projekts sollte daher insbesondere die Frage verfolgt werden, welche Kriterien erfüllt werden mussten, um Kunst und Kultur an einem bestimmten Ort florieren zu lassen. Die institutionellen Rahmenbedingungen, Personenkonstellationen und Netzwerke spielten ebenso eine Rolle wie das Verhältnis von Zentrum und Peripherie und die Formierung von Künstlerkarrieren. Auf der Grundlage von bislang nicht erschlossenen Materialien in öffentlichen und privaten Archiven, Zeitzeugen-Befragungen und Untersuchungen von privaten Aachener Sammlungen sollten Forschungslücken geschlossen und die künstlerischen, sozialen, kulturellen und politisch bestimmenden Diskurse jener Zeit in den Blick genommen werden.

Den institutionellen und persönlichen Rahmen für die Entwicklung Aachens zu einem der innovativsten Kunstorte der Bundesrepublik bildeten die Technische Hochschule, die utopischen Ideen gegenüber aufgeschlossene, von Gottfried Böhm bestimmte Architektur-Fakultät sowie eine experimentelle junge Kunstszene, die neue Formen von Öffentlichkeit suchte und gattungsübergreifend gesellschaftliche Prozesse mitbestimmen wollte. Es galt, die immer noch spürbare Kunstdoktrin des Dritten Reiches zu überwinden und der zeitgenössischen Kunst, aktuellen Ideen und letztendlich der Gesellschaft zu einer neuen Offenheit zu verhelfen.

Wichtige Etappen waren das legendäre „Festival der Neuen Kunst 20. Juli 1964" im Audimax der Technischen Hochschule Aachen, der Kunstverein „Gegenverkehr", die ersten beiden Präsentationen von Gegenwartskunst der Sammlung Ludwig und die Eröffnung der „Neuen Galerie". Experimentierfreudige Studenten an der Technischen Hochschule Aachen, allen voran der damalige ASTA-Kulturreferent Valdis Abolins, interessierten sich für eine aktive, gattungsübergreifende und gesellschaftliche Prozesse mitbestimmende Kunst und holten internationale Fluxuskünstler wie Joseph Beuys, Wolf Vostell und Nam June Paik nach Aachen. Im Anschluss an das „Festival der Neuen Kunst 20. Juli 1964" eröffneten Studenten der Architekturfakultät die „Galerie Aachen" und schufen damit einen Aktionsort für experimentelle Künste. Hier traten neben den Protagonisten der Düsseldorf-Kölner Szene wie Jörg Immendorff und Franz Erhard Walther auch amerikanische, englische, dänische, spanische und italienische Fluxuskünstler auf.

1968 gründeten der Journalist Klaus Honnef und der Galerist Will Kranenpohl das „Zentrum für aktuelle Kunst – Gegenverkehr". Eine gute Vernetzung mit der Kunstkritik, prominente Vereinsmitglieder aus der Aachener Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, Ausstellungen, die alle aktuellen Kunstströmungen erfassten, sowie die Bar, Filmvorführungen, Musikdarbietungen und Lesungen machten den „Gegenverkehr" zu einem Ort intensiven Lebensgefühls, zu einem Avantgarde-Treffpunkt, dessen Bedeutung weit über die Stadtgrenzen hinausreichte. Der „Gegenverkehr" musste 1972 aufgegeben werden, doch er blieb für viele, die dabei gewesen sind, ein legendärer Ort erstaunlicher und ungewöhnlicher Ereignisse.

Nahezu zeitgleich trat das Sammlerpaar Peter und Irene Ludwig im Sommer 1968 zum ersten Mal mit seinen hypermodernen Neuerwerbungen im Suermondt-Museum Aachen an die Öffentlichkeit. Präsentiert wurden Werke der Pop Art von Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Tom Wesselmann, die später zu den „big names" der modernen Kunstgeschichte avancierten. Für die schnell wachsende Sammlung wurde 1970 das erste Ludwig Museum, die „Neue Galerie" in Aachen, eröffnet. Die Kunst der 1970er Jahre bestimmte das Gesicht des neuen Museums: hyperrealistische Figuren, fotorealistische Malerei, neoabstrakte und konzeptuelle Kunst spiegelten den Stilpluralismus der Zeit. Während das weitreichende Engagement des Sammlerpaares und vor allem seine Kunstsammlung wesentliche Bestimmungspunkte in der Kunstgeschichte setzten, lag der Schwerpunkt des Ausstellungsprogramms von Direktor Wolfgang Becker auf einer entgrenzten Aktionskunst, Performance und neuer Medienkunst.

Die auf dem Forschungsprojekt aufbauende, von den Kuratorinnen Dr. Annette Lagler und Myriam Kroll entwickelte Ausstellung Nie wieder störungsfrei! Aachen Avantgarde seit 1964 war vom 22. Oktober 2011 bis 5. Februar 2012 im Ludwig Forum Aachen zu sehen.

Fördermassnahmen

Die Gerda Henkel Stiftung unterstützte das Projekt durch die Gewährung von Fördermitteln in Höhe von 30.000 Euro. Darin enthalten sind Personalmittel zum Abschluss eines Werkvertrags mit der Projektbearbeiterin Myriam Kroll, M.A., sowie Mittel zur Übernahme von Reisekosten.

Foto: © Peter Prestel/Gerda Henkel Stiftung

Publikationen

Der Katalog zur Ausstellung Nie wieder störungsfrei! Aachen Avantgarde seit 1964 ist im Kerber Verlag, Bielefeld, erschienen:

Brigitte Franzen / Annette Lagler / Myriam Kroll (Hg.), Nie wieder störungsfrei! Aachen Avantgarde seit 1964, Bielefeld 2011

Das Projekt im Film

Dieses Forschungsvorhaben ist Teil der zweiten Staffel von L.I.S.A.video, dem auf L.I.S.A - Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung verankerten Filmprojekt. Insgesamt fünf Teams von Wissenschaftlern, die in einem von der Stiftung geförderten Projekt tätig sind, haben ihre Forschungsarbeiten gefilmt. Fünf „erzählende“ Episoden dokumentieren den Forschungsprozess. Vier weitere Folgen sind jeweils einem Forschergespräch, einem Teamporträt, dem wissenschaftlichen Umfeld und einem relevanten Objekt, dem „Schlüsselstück“, gewidmet. Die Filme wurden episodenweise im Wissenschaftsportal veröffentlicht.

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Dieses Projekt wurde 2012 dokumentiert.