Dokumentation zu diesem Projekt

Zwischen Ökonomie und Moral: Die Anti-Sklaverei-Bewegungen als transnationales Netzwerk im „langen 19. Jahrhundert“

„Die Arbeiterbewegung 1890“ von Friedrich Kaskeline, veröffentlicht in der satirischen Zeitschrift „Die Glühlichter“ am 1. Mai 1892

 

Einführung

„Welche neue Form wird dieses alte Monster annehmen, in welcher neuen Haut wird diese alte Schlange daherkommen,“ fragte der Aktivist und Schriftsteller Frederick Douglass im Jahre 1865 im Zuge der Anti-Sklaverei-Bewegungen in den USA und charakterisierte so treffend die Versklavung von Menschen als wandelbares, dynamisches Konstrukt, das so leicht nicht abzuschütteln ist. Sklaverei bedeutet die Gewalt über den Körper anderer Menschen einhergehend mit Mobilitätseinschränkung und Statusdegradierung. Auch heute existieren Formen von Sklaverei, vor allem in den Bereichen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung. Während jedoch im 19. Jahrhundert dieses System institutionalisiert war, Sklaverei also eine rechtliche Grundlage hatte, gibt es eine solche Legitimierung und Institutionalisierung durch formale Rechtssysteme heute nicht mehr. Genau um diese, beziehungsweise die Abschaffung eben dieser Rechtssysteme, geht es in dem Forschungsprojekt von Prof. Dr. Alexandra Przyrembel und Prof. Dr. Stefan Berger.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen ihre Recherchen in den Zusammenhang der umfangreichen Forschung zur Abolitionsgeschichte in ihren Brüchen und Diskontinuitäten. Entgegen der geläufigen Auffassung, die Anti-Sklaverei-Bewegungen seien ausgehend von Großbritannien eine teleologische Erfolgsgeschichte gewesen, kam es – da die verschiedenen Systeme von Sklavereien mehrere Epochen, Kontinente und Ideologiegeschichten umfassen – häufig zur Abschaffung und Wiedereinführung von Sklaverei, während informelle Strukturen nie völlig verschwanden. In Anlehnung an die jüngere Forschung zur Geschichte der Menschenrechte wird eine solche inzwischen als Konfliktgeschichte geschrieben. Somit knüpft das Projekt an die neueren Impulse zur Geschichte der Menschenrechte und an eine kritische, kulturhistorisch ausgerichtete Kapitalismus-Geschichte an, um diese mit dem Phänomen der im 19. Jahrhundert zentralen moralisch motivierten Bewegungen zu verbinden.

Das Projekt wird von Professor Przyrembel und Professor Berger in zwei Teilvorhaben bearbeitet, die komplementär und eng miteinander verschränkt sind. Das erste Teilprojekt „Zwischen Mensch und Humankapital. Transnationale Debatten über (Anti-)Sklaverei“, angesiedelt an der Fernuniversität Hagen, setzt sich mit den transnationalen Dimensionen der gesellschaftlichen Debatten über die Sklaverei im 19. Jahrhundert auseinander. Es beleuchtet deren emanzipative Effekte auf andere gesellschaftliche Gruppen, zum Beispiel auf Frauenorganisationen, die sich im Rahmen der Debatten engagierten. Grundsätzlich setzen die Forschenden unterschiedliche Interessen zwischen Ökonomie und Moral voraus und gehen davon aus, dass die transnationale Verflechtung eben nicht nur auf außenpolitischer, nationalstaatlicher Ebene, sondern auch zwischen Vereinen und Einzelakteuren stattfand. Auf dieser privaten Ebene engagierten sich Menschen häufig aus moralischen Gründen in Vereinen gegen die Sklaverei, doch auch aus religiöser Überzeugung. Religiöse Instanzen nahmen eine durchaus ambivalente Rolle ein und waren sowohl auf Seiten der Befürworter als auch der Gegner der Sklaverei vertreten. Ausgehend vom Menschenbild der jeweiligen Akteure soll daher der Wandel der zeitgenössischen Auffassungen erklärt werden, um herauszufinden, ob und wie sich diese Akteure auch über nationale Grenzen hinaus vernetzten. Auffällig ist zum Beispiel, dass aus dem Englischen übersetzte Pamphlete Ende des 18. Jahrhunderts in den Niederlanden nahezu wirkungslos blieben, doch die Veröffentlichung des Romans „Onkel Toms Hütte“ 1853 der dort aufstrebenden Abolitionismusbewegung deutlichen Aufschwung verlieh.

Zugleich verweisen die andauernden Diskussionen um die Bedeutung der industriellen Entwicklung auf die Wichtigkeit der Verknüpfung von Kapitalismusgeschichte und Anti-Sklaverei-Bewegungen. Hier setzt das zweite Teilprojekt an: „Jenseits von Marx: Sozialismus und Sklaverei“, das im Spannungsfeld von Arbeiterbewegung und Abolitionismus angesiedelt ist. In einem Promotionsvorhaben am Institut für Soziale Bewegungen an der Ruhr-Universität Bochum werden die Haltung der Protagonisten und der politischen Organisationen der Arbeiterschaft zum Abolitionismus und zur Sklavenemanzipation in Großbritannien und den deutschen Staaten von 1830 bis 1890 erforscht. Zentrale Themen sind die Verschränkung der Diskurse über die Sklaverei und die Kolonialpolitik sowie das ambivalente Verhältnis der in drei chronologisch aufeinanderfolgenden Phasen unterteilten Arbeiterbewegung zum Abolitionismus. Die Kritik an der Sklaverei aufseiten der Arbeiterbewegung ging mit dem Vorwurf der Hypokrisie der bürgerlichen Bewegungen einher, denen die Förderung der Emanzipation der Sklaven aus den Kolonien und in den Amerikas auf Kosten der Ausbeutung der einheimischen Arbeiter unterstellt wurde. Dabei soll auch die Beziehung Arbeiterbewegung – Nationalismus – Rassismus herausgearbeitet werden. Methodisch nehmen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dabei mediale Strategien und Praktiken in den Blick. Einer genaueren Analyse werden insbesondere offensive, in der Öffentlichkeit stattfindende Medienkampagnen und Petitionen sowohl der Gegner als auch der Befürworter der Sklaverei unterzogen. Wichtig wird außerdem sein, Gruppen, die bisher nur marginal betrachtet wurden, in die wissenschaftliche Betrachtung von Netzwerken und Praktiken einzubeziehen, wie etwa Schwarze Abolitionisten. Die enge Verbindung der beiden Teilprojekte soll eine stark vereinfachende Sichtweise auf die bürgerliche Anti-Sklaverei-Bewegungen einerseits und die Arbeiterbewegung andererseits verhindern und stattdessen komplexere Strukturen im Spannungsfeld von Moral und Ökonomie herausarbeiten.